El Kurdis Kolumne

Kanzler Özdemir? Meinetwegen….

Im Internet kursiert seit einiger Zeit ein Clip, in dem sich ein wehleidiger Straftäter bei einem offensichtlich migrantischen Polizisten beschwert: „Wir kriegen nur noch Hartz IV und ihr kriegt alle Jobs. Warum?“ Der Polizist antwortet trocken: „Weil ich in der Schule aufgepasst hab und du nicht!“ Zwar handelt es sich bei diesem Clip um einen Ausschnitt aus einer „scripted reality“-Serie von Sat 1 – und sowas ist ja bekanntermaßen das Gegenteil von „reality“ –, aber dennoch sitzt die Pointe.

Neulich erlebte ich in der Straßenbahn eine Szene, die auch in dieses Themencluster passt. Sonntagmorgen. Vier Kontrolleure entern die Bahn: „Guten Tag, die Fahrausweise bitte!“ Ich schaue hoch und stelle belustigt fest, dass alle vier Kontros ethnische Orientalen sind. Manche der Fahrgäste wühlen wie üblich nervös nach ihrer Fahrkarte, bei manchen aber sieht man parallel eine gewisse Verstörung im Gesicht. Sie schauen auf den ersten Kontrolleur, dann auf den zweiten, suchen den dritten und ihr Blick sagt: Irgendwas stimmt hier nicht! Ein Ausländer okay, zwei meinetwegen, aber eine komplette Kanaken-Kontrolleurs-Einheit? Wo gibt’s denn sowas? Sind das Betrüger? Vielleicht sogar Antänzer? Oder ist es jetzt soweit? Übernehmen sie die Macht?

Aber da die muskulösen Herren relativ bestimmt nach den Fahrkarten fragen, wagt niemand Widerworte. Bis auf ein Fahrgast: Ein restbetrunkener junger Überlebender des Samstagabends, bei dessen kurz unter dem Arsch hängender Hose man nicht weiß, ob das HipHop oder eine Tendenz zur Verwahrlosung ist. Er zeigt seine Fahrkarte, der Kontrolleur geht weiter, da lallt der Betrunkene ihm hinterher: „Sind sie überhaupt ein Schaffner?“ Der Kontro dreht sich um und antwortet: „Nee, ich bin Kontrolleur“. Darauf die Arsch-Hose: „Aber sie sehen gar nicht so aus!“ Kontro: „Wie seh ich denn aus?“ Arsch-Hose: „Mehr so wie das Gegenteil vonnem Kontrolleur. Sie sehen aus wie’n Schwarzfahrer. Zeigen sie mal ihren Ausweis!“ Der Kontrolleur hält seinen Ausweis empor: „Bitteschön.“ Der Betrunkene ist wirklich verwundert und nuschelt kopfschüttelnd: „ Ey, ich hätte schwören können…“

Manche Biodeutsche haben offensichtlich nach wie vor Probleme, Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln als offiziell legitimierte Autoritätspersonen anzuerkennen. Ich behaupte, das ist so, weil es nach wie vor zu wenige davon gibt. Die einzige Machtposition, in der man Migranten schon länger kennt, ist die an der Discotür. Aber dort sind sie ja meist damit beschäftigt, andere Migranten aus der Disco rauszuhalten. Also keine wirkliche Gefahr für den urdeutschen Gast.

Es wird ja gerne so getan, als bräuchten wir mehr migrantische Polizisten vor allem wegen der migrantischen Kundschaft. Um deren Konflikte mit mehr kulturellem Knowhow und besseren Sprachkenntnissen besser zu lösen können. Das mag ja im Einzelfall stimmen, trotzdem bleibt diese Argumentation im Kern rassistisch. Türken, Araber, Afrikaner brauchen keine Spezial-Polizei, die sie besser versteht. Schließlich sollen sie sich an die selben Gesetze halten wie alle anderen auch. Aber sie brauchen eine Polizei, die sie nicht – wie beim immer noch praktizierten „racial profiling“ – vorverurteilt. Denn obwohl nach Köln die These verbreitet wurde, die Polizei schaue bei Migranten gerne mal weg, stimmt nach wie vor das Gegenteil: Als Schwarzer oder Südländer wird man entschieden häufiger von der Polizei kontrolliert denn als Biodeutscher. Vielleicht würden mehr, sagen wir, türkischstämmige Polizisten tatsächlich zu einer anderen Praxis führen. Weil die hoffentlich zurückhaltender wären, Leute nur wegen ihre Herkunft zu kontrollieren. Aber vor allem brauchen wir mehr migrantische Polizisten, Lehrer, Kontrolleure, Richter … damit die anderen Deutschen sich endlich dran gewöhnen, dass Deutsche in solchen Positionen und überhaupt eben jetzt auch so aussehen können. Und damit – in der Konsequenz – irgendwann vielleicht auch mal ein türkischstämmiger Bundeskanzler möglich ist. Es muss ja nicht grade der langweilige Schwabe Cem Özdemir sein, dieser jüngere Klon des in der Forschungsabteilung von Mercedes-Benz entwickelten Grünen/CDU-Hybrids Winfried Kretschmann. Okay, meinetwegen auch der, es geht ja ums Prinzip. Allerdings gebe ich zu, dass das verwegen klingt, in Zeiten, in denen die AfD an manchen Orten 25 Prozent der Stimmen erringt. Aber ein deutlicheres Signal an diese Klemmfaschos könnte es nicht geben. Aber vermutlich würde auch ein Kanzler Özdemir erstmal ständig nach seinem Bundeskanzlerausweis gefragt werden. Zum Beispiel beim offiziellen Besuch der Computermesse Cebit. Da würde dann am Eingang der Sicherheitsbeamte den Ausweis hin und her drehen und sagen: „Tja… Özdemir… Bundeskanzler… meinetwegen, dann gehste eben durch… aber wenn du scheiß machst, fliegste sofort wieder raus!“