El Kurdis Kolumne

Sippenhaft im Hort der Menschlichkeit

Und schon ist es wieder vorbei. Ein gutes halbes Jahr lang inszenierte Deutschland sich als Weltzentrale der Barmherzigkeit. Zehntausend freiwillige Helfer demonstrierten dem Staat Tag für Tag, wie man schnell und effektiv hilft – und selbst Frau Merkel musste man kurzzeitig Respekt dafür zollen, dass sie den völkischen Hardlinern in ihrer Partei die Stirn bot und zur Abwechslung dem „C“ in CDU mal wieder Sinn gab. Von einem Moment auf den anderen aber ist sie dahin, die positive, zukunftsorientierte Stimmung in Deutschland. Weil überraschenderweise unter einer Million Menschen auch ein paar tausend Kriminelle sind. Und weil die Polizei in Köln und Hamburg an Sylvester hilflos zuschaute, wie diese Arschlöcher unter ihren Augen Straftaten begingen. Wobei das doch sehr verwundert, wenn man sich daran erinnert, wie zum Beispiel die Bundespolizei am Hannoverschen Hauptbahnhof im letzten Jahr mit Ausländern umgegangen ist. Oder was soll man dazu sagen, wenn Polizisten zwar Unschuldige foltern können aber nicht in der Lage sind, Verbrecher daran zu hindern, Frauen sexuelle Gewalt anzutun?

Ab statt die entscheidenden Fragen zu stellen, sinkt der öffentliche Diskurs auf ein unterirdisches Level. In Kurzform: „Der Flüchtling schändet unsere Frauen“. Dieser Flüchtling ist vor allem der „Nordafrikaner“ – da steckt assoziativ sowohl der unbelehrbare Araber-Muselmane, aber eben auch der „Afrikaner“, also der Schwarze, mit drin. Eine Win-win-Formulierung für jeden Rassisten. Und alle spielen mit. Der Focus druckt ein astreines „Stürmer“-Cover, alte-weiße-Sack-Kolumnisten wie Martenstein und Broder zeigen zynische alte-weiße-Sack-Qualitäten, die AfD steht in Sachsenanhalt bei 15 Prozent, die CDU-Basis meutert gegen ihre eigene Kanzlerin und selbst die SPD kritisiert Merkel und fordert faktisch eine Obergrenze. Also alles wieder beim alten. Möchte man meinen. Aber war es denn je anders? Tatsächlich war das Spiel auch während Merkels Menschlichkeitsshow ein doppeltes. Während die Öffentlichkeit vom „Wir schaffen das“-Mantra der Kanzlerin abgelenkt war, nutzte unsere Verwaltung weiter die Mär von den „sicheren Herkunftsländern“, um seit langem in Deutschland lebende, oft sogar hier geborene Menschen abzuschieben.

Als ob es zum Beispiel irgendein Land gäbe, in denen die Roma sicher wären. Den deutschen Behörden scheint jedoch die bloße Abwesenheit von Pogromen und Erschießungskommandos schon zu reichen, um das Leben in einem Land als sicher zu bezeichnen.

Dass die Roma nirgendwo erwünscht sind und dementsprechend behandelt werden, wissen wir. Dass wir Deutsche selbst eine lange Geschichte der Diskriminierung von Roma und Sinti haben, die ihren Höhepunkt im „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau fand, wissen wir auch. Und trotzdem behandeln auch wir sie heute noch wie eine Infektionskrankheit: Wenn man sie sich eingefangen hat, versucht man, sie schnell wieder loszuwerden. Auf keinen Fall akzeptieren wir sie als Teil unserer Gesellschaft. Weder die seit Jahrhunderten deutschen Sinti, noch die vor einer Generation aus dem Balkan geflüchteten oder eingewanderten Roma.

Zum Beispiel in Göttingen. Dort sollen zwei Roma-Familien abgeschoben werden, die 1998 vor dem Kosovo-Krieg flohen und seither in Deutschland leben. Von den achtzehn Personen, die man in den Kosovo schicken will, sind dreizehn Kinder und Jugendliche, von denen wiederum zwölf in Göttingen geboren und aufgewachsen sind. In allen Ländern dieser Erde, in denen das Geburtsortprinzip konsequent angewandt wird – wie in den viel gescholtenen USA –, wären sie per Geburt Staatsbürger und könnten gar nicht abgeschoben werden. Aber hier interessiert es niemanden, dass diese Kinder nichts anderes kennen als Göttingen, dass sie sich im Kosovo in einem fremden Land, mit einer fremden Sprachen zurecht finden und auf ein „sicheres“ Leben im Slum, ohne Bildungs- und Berufschancen einrichten müssten.

Als Grund für die Abschiebung wird die angeblich fehlende Integrationsbereitschaft der Eltern angeführt. Selbst wenn dies stimmen würde: Was zum Teufel haben die Kinder damit zu tun? Zum Beispiel die fünfzehnjährige Anita Osmani, die erfolgreich eine berufsbildende Schule besucht, als Darstellerin in mehreren Theaterstücken der freien Theatergruppe „boat people projekt“ mitwirkte und die gemeinsam mit der Autorin Luise Rist in Schulen aus einem die Flüchtlingsproblematik thematisierenden Roman vorliest. Was könnte dieses Mädchen noch tun, um einen deutschen Beamten von ihrer Integrationsbereitschaft zu überzeugen? Vermutlich nichts.