Deichkind

Am 24. Januar rocken die norddeutsche Tech-Rap-Band Deichkind erneut die Volkswagen Halle. Den Zuschauen erwartet wie immer ein „Kindergeburtstag für Erwachsene“ voller Exzess und Livedrecksauparty. Druff! sprach vorab mit MC Porky Codey, der uns verrät: „Deichkind ist eben ne Deichkind-Show, voller Exzesse. Was Neues gibt es natürlich immer, da lassen wir uns immer etwas einfallen. Aber es wird jetzt nicht plötzlich ein Accoustic-Konzert. Die Show ist nie das Gleiche, auch wenn die Wucht immer die gleiche ist.“

Deichkind bestehen zunächst aus zwei norddeutschen Herren namens Malte und Philipp, die sich der Legende nach eines Tages zusammenschlossen, um zu rappen. Bittere Erkenntnis: Rapp auf Platt scheint nicht zu funktionieren. Ab 1999 holen sie sich Bartosch Jeznach aka Buddy mit seinem Akkordeon und DJ Phone, der sich bei Deichkind La Perla nennt, ins Boot. Mit Soundexperte Sebi als Produzent ist die Crew erst einmal komplett. Der Anfang bleibt dennoch steinig. Trotz des Umzugs von Bergedorf nach Hamburg regnet es anfangs Tomaten statt Geld. Nicht zuletzt wegen ihres Erscheinungsbildes, welches so gar nicht dem klassischen Hip-Hop-Image entspricht. Mit ‚Kabeljau Inferno’, ihrer zweiten Maxi, ändert sich die Sachlage und die Jungs vom Norden werden über Grenzen der Hansestadt hinaus bekannt. Deichkind steht für Kopfnicker-Sound und einem ironischen Stil. Ab 2000 kommt dann der Durchbruch: Unterstützt von Rapperin Nina, landet die Single ‚Bon Voyage’ in den deutschen Charts. Unterstützt werden sie auf der Debüt-LP ‚Bitte ziehen Sie durch’ unter anderem von Dendemann und Nico Suave – dennoch distanzieren sie schon zu diesem Zeitpunkt. Bis auf das Album ‚Noch 5 Minuten Mutti’ wird es längere Zeit ruhig um die Band.

Im Jahr 2005 erscheint Deichkind dann wieder auf der Bildfläche und das mit dem Sound, für den sie heute bekannt sind. Bei Stefan Raabs ‚Bundesvision Songcontest‘ treten sie mit ‚Electric Superdance Band’ auf. Dazu gibt’s eine gehörige Portion an Schwabbelbäuchen und abgespaceten Silberanzügen. Gründungsmitglied Malte und auch Buddy verlassen die Band; dafür kommen Porky Codex und später Ferris MC als Ferris Hilton. Mit dem Album ‚Aufstand im Schlaraffenland’ wird das heutige Deichkind neu geboren: Der Rap wird von Synthesizern und Disco-Pop unterstützt, der an die 80er-Jahre erinnert. Die Band nennt es Tech-Rap, Medien nennen es Electropunk. Die Singleauskopplung ‚Remmidemmi’ wird zur Hymne der Spaßgesellschaft und katapultiert die Band in den Mainstream.

Obwohl das ein oder andere Mitglied den Song anfangs peinlich findet, Porky Codex ist sich von Anfang an sicher, dass der Track zum Hit wird. „Das hatte einfach ne rotzige Wucht. Der Song wollte nichts. Das hatte so eine überfütterte, westliche Attitude, die dahinter steckte“, sagt er. Mit Hip Hop hat der ganze Spaß allerdings lange nichts mehr zu tun – die Band ist eine Neue und der Dreieckshut wird zum Markenzeichen. „Diese Entwicklung ist eben ein Prozess gewesen. Uns gibt es nun auch schon fast 20 Jahre. Hip Hop Elemente kommen in unseren Songs ja immer noch vor. Ein Körper verändert sich ja auch und wird reifer. Musik ist wie ein lebendiger Organismus. Wir haben immer an und an der Beziehung untereinander gearbeitet und da entsteht so ein Wandel automatisch. Wir sind eben auch verschiedene Mitglieder und jeder hat so ein bisschen seinen eigenen Stil miteingebracht.“ Mit der folgenden Platte ‚Arbeit Nervt‘ haut die Band gleich die nächste Botschaft raus. Schon wieder kommt die schnoddrig-nordeutsche Art gemixt mit einem Löffel Ironie durch. Dabei soll die Message gar nicht sozialkritisch sondern einfach nur realistisch sein. „Such dir eine Beschäftigung die du liebst und due brauchst nie wieder einen Tag arbeiten. Das ist ein ganz altes Sprichwort und das stimmt auch. Ich mussteStudio Schramm Berlin_02 gestern einige Überweisungen tätigen und als ich diese Tans eingegeben habe, dann hätte ich am liebsten jemanden umgebracht. Und so ist es auch mit der Arbeit – wenn du etwas machen musst, nur um zu überleben, dann ist Arbeit zum Kotzen“, erzählt Porky.

2009 stirbt Producer Sebi ganz überraschend im Alter von 32 Jahren in seiner Hamburger Wohnung. Die Band trauert und zieht sich erneut zurück, nur um drei Jahre später mit dem größten Erfolg zurückzuschlagen. ‚Leider Geil‘ wird erneut zur Hymne der Partyreihen, in Österreich wird der Ausdruck sogar zum Jugendwort des Jahres gekürt. Porky berichtet: „Bei ‚Leider geil‘ war es so, dass wir noch einen elften Song für’s Album brauchen und den innerhalb einer halben Stunde zusammengeschustert haben. Im Nachhinein hben wir uns dann gewundert warum uns alle darauf ansprechen. Wir hatten schon alle unsere Videos abgedreht, unter anderem auch zu ‚Bück dich hoch‘ und hatten kein Budget mehr, deshalb haben wir dieses YouTube-Video gemacht. Und dann ist das Ding mit 24 Millionen Aufrufen durch die Decke geknallt.“ Trotz des Erfolges ist Stolz kein Begriff, den die Band verwendet. Vielmehr ist es Dankbarkeit und manachmal auch Erstaunen darüber, woher der Erfolg denn kommen mag. „Stolz ist eine niedere Emotion. Unter Stolz ist meistens Kränkung. Es fängt an mit Angst, dann kommt Zorn. Stolz und sich für etwas toll fühlen grenzt dann schon fast an Kränkung. Die menschliche Psyche ist wie eine Lasagne und Stolz ist dabei einfach nur bäh. Damit grenzt man sich gleich ab vom Rest der Welt“, meint Porky Codex.

Zu Braunschweig hat die Band keinen Bezug. Nur Porky Codex, der auch Bass spielt erinnert sich: „Als Musiker und Sänger habe ich mir in Braunschweig bei sandberg guitars mal einen Bass bauen lassen. Grüße an Holger dort, ich spiele den Bass immer noch.“

Text: Yasemin Kulen

Foto: Studio Schramm Berlin