„Die Vögel scheißen vom Himmel. Und ich schau dabei zu. Und ich bin hier und alleine. Marie, wo bist du?“ So düster und direkt beginnt ‚Schlagschatten‘, das neue Album von ‚AnnenMayKantereit‘. Obwohl sie keine typische „Gute-Laune-Musik“ machen, sind die Jungs gerade das heißeste, was der deutsche Rock-Markt zu bieten hat. ‚Schlagschatten‘ steht seit einem Monat in den Läden und verkauft und streamt sich seitdem wie geschnitten Brot. Auch die anstehende Tour ist bis auf wenige Ausnahmen ausverkauft. Für drei Shows, die sie im August und September in Berlin, Dresden und Köln spielen, gibt noch Karten. Auch Hurricane und Southside, bei dem ‚AMK‘ auftreten werden, sind noch nicht ausverkauft. Für Göttingen und Hannover am 16.02. und 16.03. gibt es schon länger keine Tickets mehr. Offenbar hat die Band, die mit Songs wie ‚Oft gefragt‘, ‚Barfuß am Klavier‘ oder ‚Pocahontas‘ bekannt wurde, also einen echten Nerv getroffen und das Ganze ziemlich weit entfernt von Giesinger, Bendzko und Forster. DRUFF! traf Sänger Henning MAY und Schlagzeuger Severin KANTEREIT in ihrer Heimatstadt Köln zum Interview und sprach mit ihnen über YouTube, spanische Heizungen und die Frage, was man bei Lady Gaga lernen kann.

„Ich versuche in Interviews nicht immer alles eins zu eins im gleichen Wortlaut zu erzählen.“

„Es gibt einen Zusammenschnitt von ihr, in dem sie in 10 unterschiedlichen Situationen exakt die gleiche Story erzählt: You know, you can be in a room with 100 people and 99 of them don´t believe in you. You just need that one person to believe in you!“, sagt Henning, nicht ohne sie ein bisschen zu imitieren. „So was finde ich echt schwach. Ich versuche in Interviews nicht immer alles eins zu eins im gleichen Wortlaut zu erzählen. Das Video habe ich mir angesehen, bevor wir mit diesem Promo-Marathon gestartet sind.“ Als wir uns treffen, sind die Jungs schon ziemlich lange auf den Beinen: Morgenmagazin, Interviews und danach weiter zum WDR. „Man erzählt schon oft das Gleiche, aber das gehört dazu“, sagt Severin verständnisvoll, „und es ist ja auch klar, dass zum Teil erstmal die Basics abgefragt werden müssen.“ Einfach nur „Dienst nach Vorschrift“ haben Henning, „Sevi“, Gitarrist Christopher ANNEN und Bassist Malte Huck auf ‚Schlagschatten‘ nicht gerade abgeliefert: „Wir haben das Album in einem Dorf in Spanien produziert. Vier Wochen lang haben wir Musik aufgenommen und dann nochmal vier Wochen lang zu jedem der 14 Songs ein Video gedreht“, erklärt Henning. „Auf diese Art und Weise können wir jedem Song eine eigene Bühne geben.“

Schlagschatten

Verdammt viel Arbeit am Stück also: „Uns war schnell klar, dass wir das dicht beieinander machen wollen. Es wäre komisch gewesen, erst das Album rauszubringen, dann Videos zu drehen und diese dann irgendwann zu veröffentlichen. Eine schlechte Metapher, die ich da gerne benutze: Das ist wie bei einem Kühlschrank. Wenn da Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch drin ist und du hast Freunde zu Besuch, die alle Hunger haben, dann machst du auch alles und hörst nicht bei der Vorspeise auf. Wir wollten ein Album machen und auch Videos und haben es dann eben ohne viel Abstand gemacht.“ Herausgekommen sind dabei bisher 9 Sessions mit Live-Arrangements, die unterschiedlicher nicht sein könnten: AnnenMayKantereit spielen auf dem Dach, im Hof, im Sonnenuntergang. Mal sitzt Henning allein an den Tasten, dann wieder zocken die Jungs im Band-Setup und machen Quatsch. ‚Hinter klugen Sätzen‘ und ‚Weiße Wand‘ sind mit Close-Ups und ernsten Mienen relativ kunstvoll gehalten, die ‚Softrock Session‘ zu ‚Nur wegen dir‘ macht einfach nur Spaß.

„Obwohl wir ja in dem Sinne keine YouTuber sind, ist es schon ein bisschen unser Medium.“

Nach besonders viel Aufwand sieht die ‚Fluss Session‘ zu ‚In meinem Bett aus‘: die Band steht und spielt in einem Fluss, mitsamt Instrumenten und viel Technik: „Ich habe da ein lustiges Bild im Kopf“, erinnert sich Severin. „Fabian Langer, der den Sound bei den Videos gemacht hat und auch als Co-Produzent auf dem Album dabei ist, stellt Hennings Gesangsmikrofon mitten in den Fluss. Dann verlegt er das Kabel. Es macht immer: Platsch, Platsch. Er schaut auf das Kabel, schaut mich an und fragt: Was machen wir hier? Er hat da ja gerade ein Kabel, auf dem Strom ist, in einen Fluss gelegt.“ Er lacht: „So was haben wir natürlich noch nie gemacht. Aber es hat ja funktioniert und auch Spaß gemacht!“ Alle bisherigen und noch kommenden Videos sind natürlich auf dem YouTube-Kanal der Band verfügbar: „Obwohl wir ja in dem Sinne keine YouTuber sind, ist es schon ein bisschen unser Medium. Wir haben das schon immer gerne genutzt und machen auch einfach gerne Videos. Das soll schon eine Linie für uns sein, eben ein Medium, auf dem man unsere Musik einfach so anhören kann. Die digitaler Straßenmusik sozusagen“, sagt Henning. Ihre wirkliche Erfüllung finden sie als Band dann aber doch außerhalb des World Wide Web: „Wir sind einfach eine Live-Band und wir haben gerade sehr viel Bock auf die Tour“, freut sich Severin.

In meinem Bett

„Live spielen fühlt sich auch mehr nach Arbeit an. Im Sinne von: Wir machen hier wirklich was. Es geht um einen geilen Abend für die Leute und man bemüht sich darum, das alles sitzt. Die Schläge am Ende von ‚Pocahontas‘ zum Beispiel. Wenn man das verhaut, kriegt das auch der Nicht-Musiker mit. Der Effekt ist immer sofort da, das Gefühl von Interaktion macht es für uns aus. Klar machen wir auch was, wenn wir im Studio ein Album aufnehmen, aber da sind wir ja nur in unsere kleinen Gruppe“, erklärt Henning die Vorzüge eines Konzertes. „So eine Tour fühlt sich an, wie die Belohnung für die Arbeit im Studio“, ergänzt Severin. „Wir können raus gehen und die Sachen spielen, an denen wir lange gearbeitet haben.“ Bei der Studio-Arbeit haben sich alle Bandmitglieder verschiedentlich eingebracht: „Was die Komposition angeht, hat beispielsweise Sevi die Bass-Linie zu ‚In meinem Bett‘ geschrieben. Malte hat dafür die Gitarre geschrieben. Die spielt jetzt aber Chrissi. Malte spielt Sevis Bass, Sevi spielt Schlagzeug und ich mache das was ich immer mache“, gibt Henning ein Beispiel für das gemeinschaftliche Songwriting. „Es gibt viele spannende Sachen, die im Studio passiert sind, oft kurz vor Schluss. Sevi hat ‚Sieben Jahre‘ produziert, Instrumente eingefügt und als es dann fertig war, war ich echt überrascht, denn so hatte ich es noch nie gehört. Malte hat am vorletzten Tag noch einen fünfstimmigen Chor für ‚Alle Fragen‘ gesungen“, sagt Henning weiter.

„Live spielen fühlt sich auch mehr nach Arbeit an. Im Sinne von: Wir machen hier wirklich was.“

Die Produktion von ‚Schlagschatten‘ fand, wie erwähnt, in einem kleinen spanischen Dorf statt: „Die Leute da dachten erst, wir sind eine kleine Band, die ein bisschen Musik macht. Dann kam der Truck mit unserem ganzen Equipment an und da wurden sie dann schon etwas nervös“, lacht Severin. „Dann kamen wir und sie waren beruhigt, dass wir nicht alles kurz und klein geschlagen haben oder so etwas. Wir haben auch extra Glasfaserkabel gelegt und somit gewissermaßen Internet in das Dorf gebracht. Wir mussten ja unsere Sachen hochladen und das hat die Leute dann sehr freudig gestimmt. Nach ein paar Tagen gab es ein Dorffest, auf dem wir gespielt haben. Die haben uns sehr schön integriert. Es gab aber definitiv viele Variablen, die wir nicht kannten. Zum Beispiel ob die Nachbarn Stress machen. Wir haben aber extra so einen Ort gewählt, um etwas Neues und Aufregendes zu haben und nicht wieder einfach das gleiche Studio in Berlin wo man alles schon kennt. Es hat auch Auswirkungen, wenn man morgens in der Sonne aufwacht und entspannt ist.“ Auch durch eine gute Vorbereitung konnten sie sich eine schöne Zeit in Spanien machen: „Es war uns wichtig, dass der größte Teil fertig ist, wenn wir dort sind. Dann hat man Zeit, Sachen auszuprobieren. Also quasi hinfahren, mit der Sicherheit, dass die Songs sich schon gut anfühlen und funktionieren, aber man hat eben noch Zeit, um auf eine Heizung zu hauen“, sagt Severin.

„Das ist kein Witz! ‚Für du bist anders‘ hat er eine spanische Heizung gespielt. Die klingt natürlich ganz anders als eine deutsche. Wir sind extra wegen der Heizung nach Spanien gefahren“, lacht Henning. Ob die Jungs das im Live-Kontext auch umsetzen werden, sei mal dahingestellt, obwohl Severin sagt: „Ich glaube, wir haben schon Lust, viel auszuprobieren und auch mal die gewohnten Positionen zu verlassen. Instrumente zu wechseln, uns neue Sachen zu überlegen und uns etwas zu trauen“. Mutig sind die Jungs auch, wenn es darum geht, neue Musik live zu testen: „Für ‚Du bist anders‘ hatten wir auf der letzten Tour schon eine grobe Idee. Vor unserem Konzert in Dresden haben wir uns dann kurz hinter der Bühne getroffen, das Arrangement klar gemacht und den Song dann gleich bei dem Konzert und vier Tage später auch beim Lollapalooza gespielt“, sagt Henning. Vielleicht bekommen die Fans in am 16.02. in Göttingen, am 16.03. in Hannover oder bei einem anderen Konzert der anstehenden Tour ja auch schon etwas vom Nachfolger zu ‚Schlagschatten‘ auf die Ohren, wer weiß, wer weiß!?


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