Sie sind die Band mit dem K aus Karl-Marx-Stadt und wollten eigentlich nie nach Berlin, wie sie in einem ihrer ersten Songs kundgaben. DRUFF! traf Felix, Steffen und Karl von Kraftklub eben da – über den Dächern Berlins. Bei sonnigem Wetter, einigen Zigaretten und guter Stimmung sprachen wir mit ihnen unter anderem über die Entstehung ihres aktuellen Albums ‚Keine Nacht für Niemand‘, wie es zum Feature mit Farin Urlaub kam und weshalb Authentizität in ihren Songs keinerlei Rolle spielt.

Sieben Jahre haben Kraftklub als Band mittlerweile auf dem Buckel. Auferstanden aus den Ruinen Karl-Marx-Stadts, heute Chemnitz, eroberten die sächsischen Jungs die Bundesrepublik mit ihrer Musik. Zwei Studioalben und mehrere Echo- und ‚1 Live Krone‘-Auszeichnungen später erschien im Juni dieses Jahres ihr drittes Album ‚Keine Nacht für Niemand‘, das prompt auf Platz 1 der deutschen Musikcharts landete und Schlagersängerin Helene Fischer vom Thron stieß.

Es ist das bis dato musikalisch vielseitigste Album der Chemnitzer, das von vorantreibenden Songs bis hin zu rockigen Balladen reicht. „Wir haben uns immer als Liveband begriffen und dementsprechend auch immer Musik für Livekonzerte gemacht. Immer nach dem Motto ‚Höher, schneller, weiter‘. Das haben wir die ersten fünf Jahre so gemacht und fanden es immer geil, wenn es knallt“, lässt Felix die letzten Jahre mit Kraftklub Revue passieren. „Natürlich ist es immer noch geil, wenn es knallt! Wir hatten aber das Gefühl, dass wir das jetzt durchgespielt haben. Das neue Album ist tatsächlich vielseitiger. Da sind teilweise Songs mit einer Art Sample Beat und obwohl manche Songs viel entspannter und langsamer sind, knallen sie trotzdem.“

Ich persönlich habe das erst jetzt in der Rückschau gemerkt, wie groß der Druck damals war (…)

Die Pause zwischen dem Vorgängeralbum ‚In Schwarz‘ und ‚Keine Nacht für Niemand‘ tat der Band in ihrem kreativen Schaffensprozess mehr als gut, wie uns Felix erzählt: „Wir hatten zum ersten Mal vor einem neuen Album eine Pause. Das war neu für uns. Wir haben uns im Proberaum getroffen und dort die Songs mit allem Drum und Dran fertig gemacht. Erst dann sind wir ins Studio gegangen. Das war bei den anderen Alben ganz anders. Da haben wir im Studio noch relativ viel Songwriting betrieben. Die ganze Albumproduktion war viel freier als zuvor. Beim zweiten Album wurden wir in Interviews oft gefragt, ob nicht ein totaler Druck auf uns lastet nach solch einem krassen Debüt. Das war tatsächlich auch so. Ich persönlich habe das erst jetzt in der Rückschau gemerkt, wie groß der Druck damals war und wie sehr viel befreiter sich nun das hier angefühlt hat.“

Zwölf Songs haben es aus dem Proberaum auf das Album geschafft. Gespickt mit allerlei Musikzitaten und Features von bekannten und befreundeten Musikern der Band, die man hier und da mit einem guten Hörvermögen herausfiltern kann. Das wohl überraschendste und zugleich einprägsamste Feature auf dem Album kommt im Song ‚Fenster‘ vor. Hier haben sich die Kraftklub-Jungs keinen Geringeren als Punkrock-Legende Farin Urlaub mit ins Boot geholt, der dem letzten Part des Songs seine unverkennbare Stimme leiht. „Wir haben Farin gefragt, ob er es sich vorstellen könnte, bei einem anderen Song den Chorus für uns zu singen. Dann kam er vorbei und wir haben ihm ‚Fenster‘ vorgespielt. Das fand er so stark, dass er meinte, dass es eine verdammte Ehre für ihn sei da mitzusingen“, erzählt Karl davon, wie es zur Zusammenarbeit kam. Generell klingt der Song, der auch die zweite Single-Auskopplung des neuen Albums war, wie ein Song von Die Ärzte, der aus Urlaubs Feder stammen könnte. „Ja, das ist ja das Geile! Ich finde das total abgefahren“, freut sich Felix über den Vergleich. „Also spätestens ab dem Moment, wo Farin singt, höre ich den Song an und denke ‚Häh, das ist doch ein Ärzte-Song‘. Ich fühle mich da auch nicht degradiert, sondern finde es ziemlich krass.“

Wenn man einen Song über Wut, Trauer und Schmerz macht und der Song nicht wehtut, dann hast du irgendwas falsch gemacht!

Ziemlich krass ist auch die melancholische Trennungsballade ‚Dein Lied‘, in der Felix Brummer mit voller Inbrunst der Verflossenen ein Lied widmet und diese als ‚verdammte Hure‘ bezeichnet. „Wenn man einen Song über Wut, Trauer und Schmerz macht und der Song nicht wehtut, dann hast du irgendwas falsch gemacht,“ erklärt Felix die Intensivität des Songs. Dabei erklärte der Kraftklub-Frontmann vor fünf Jahren in der arte Dokumentarfilmserie ‚Durch die Nacht mit…‘, dass er keine Lust mehr habe, ein Mädchen als Fotze oder Schlampe zu bezeichnen, denn das fände er unsinnig. Nun kam es im Zuge des neuen Albums jedoch zu ‚Dein Lied‘. Wie erklärt Felix diesen Sinneswandel? „Ich finde es ja auch total behämmert, wenn Frauen als Schlampen bezeichnet werden und Männer sind die Casanovas. Es ist auch echt dumm und rückständig, irgendwelche verkrusteten Rollenklischees auszupacken. Das ändert aber nichts daran, dass man einen Song machen kann. Vielleicht ist es etwas, das sich auch mit der Zeit geändert hat. Ich finde, man kann auf jeden Fall Wörter wie Hure in der Musik verpacken. Es kommt aber immer auf den Kontext an. Krasse Sprache zu verwenden, um Emotionen darzustellen, fand ich immer schon korrekt“, erklärt Felix. „Dass Leute damit ein Problem haben, liegt glaube ich daran, dass die es gerne viel geordneter haben wollen. Die wollen halt, dass die bösen Rapper die bösen Wörter benutzen und die nette Indie-Band soll die netten Texte machen. Wenn das nicht hinhaut, dann sind sie irritiert.

„Ich habe ja schon immer ein Herz für den Verlassenen“, fährt Felix weiterhin fort im Hinblick auf ‚Dein Lied‘. „Und es macht auch einfach Spaß, eine Figur kippen zu lassen von ‚Hey ich bin ja total verständnisvoll‘ zu ‚der rachsüchtige Psycho‘ – das ist geil und macht den Song cool.“ Dabei sollte man als Hörer jedoch nicht darauf schließen, dass es sich um einen autobiografischen Song von Felix handelt, in dem er seinen persönlichen Gefühlen freien Lauf lässt. „Diese komische Sucht nach Authentizität, die um sich greift, und all diese YouTuber, die immer das ‚echte Leben‘ zeigen wollen und so den Fans vormachen, sie seien ein wirklicher Teil davon, ist doch komplett behämmert. Das interessiert uns nicht. Wir hatten noch nie und haben auch immer noch kein Interesse, unsere wahren inneren Sachen in Songs zu verpacken und diese als Ventil nach außen zu benutzen“, so Felix.

Und vielleicht ist es gerade diese Einstellung, die Kraftklub so beliebt machen und vom vermeintlich authentischen Mainstream abheben. Dies spiegelt sich äußerlich auch in ihrer Bandkleidung wider. „Unsere Outfits sind wie Arbeitsklamotten“, beschreibt Steffen den Kleidungsstil der Band. Die Idee stammt aus der Anfangszeit der Band, wie uns Felix erzählt: „Damals war die Indie-Welle ziemlich groß und jeder ist zu der Zeit möglichst ‚Understatement‘-artig mit normalen Klamotten auf die Bühne gegangen, nach dem Motto: Ich bin nur der schüchterne Typ, der Gitarre spielen kann. Das fanden wir mega langweilig, obwohl die Musik ja geil war.“ Also wurden Polohemden, Hosenträger und Collegejacken zum Bühnenoutfit der Band auserkoren. „Irgendwie ist das auch ganz cool, wenn man auf die Bühne guckt und sieht, dass das Kraftklub sind“, grinst Karl.

Im Oktober kann man Kraftklub in der ausverkauften Swiss Life Hall in Hannover auf der Bühne sehen. Wer sich Karten gesichert hat, darf sich auf ein grandioses Konzert freuen. Und wer weiß, vielleicht haben wir ja mal in Braunschweig das Glück, einen der legendären Guerilla-Gigs der Band erleben zu dürfen.