Wenn man Weihnachten nach Hause fährt, gehen einem immer dieselben Fragen durch den Kopf: Wie erkläre ich Oma, was Kommunikationsdesign ist? Kommt die Flasche Eierlikör von der Tanke als Geschenk an? Und vor allem: Gibt es Ente oder Gans? Das eine ist immer zu trocken und man muss mit viel Soße nachhelfen und das andere ist so fettig, dass man ordentlich Kartoffeln essen muss, um ausreichend Bindemittel im Magen zu haben. Ein schönes Hähnchen (oder ostdeutsch: Broiler) wär hier doch mal was Feines, außen goldbraun und knusprig, innen weich und saftig. Oder besser noch: gleich 5 auf einmal, damit die ganze Familie satt wird!

Mit derartig flachen Wortwitzen müssen sich die Düsseldorfer Rock-Helden von den Broilers schon seit ihrer Gründung herumschlagen. Aber seinerzeit war es für eine Oi!-Band einfach eine notwendige Bedingung eben diese Buchstabenkombination im Namen zu haben, laute Punk-Musik zu spielen und die Haare raspelkurz zu tragen. ‚Seinerzeit‘ heißt in diesem Fall 1992 und seitdem ist eine Menge passiert. DRUFF! sprach mit Broilers-Sänger Sammy Amara über die Bandgeschichte, über Politik und über die Frage, was er mit der Löwenstadt verbindet.

„Ich weiß, dass ‚Daily Terror‘ aus Braunschweig kommen. Das war eine sehr wichtige, einflussreiche Punk-Band“, sagt Sammy, der 1979 als Sohn eines irakischen Vaters und einer deutschen Mutter in Düsseldorf geboren wurde. Tatsächlich ist es auch nicht das erste Konzert, dass die Band hier spielt, bereits 2012 gastierten sie in der mittlerweile geschlossenen ‚Meier Music Hall‘, 2014 spielten sie in der Stadthalle. Nun kommen sie also zum dritten Mal, genauer gesagt in die VW Halle und damit in die größte Indoor-Konzertlocation, die Braunschweig zu bieten hat.

Die Band ist beständig gewachsen: gegründet mit dem Spirit der Punk- und Oi-Bewegung schafften sie spätestens 2011 mit ihrem Album ‚Santa Muerte‘ den ganz großen Durchbruch. Ihr aktuelles Werk ‚(sic!)‘ erschien im Februar diesen Jahres und hat bereits Gold abgeräumt. Auch auf diesem mittlerweile siebten Studioalbum sind die Wurzeln der Broilers nach wie vor unverkennbar. Doch inzwischen lassen sie auch vermehrt andere Elemente, etwa aus Pop und Rock, einfließen. „Man setzt sich über die Jahre immer wieder mit der Musik auseinander. Dadurch entwickelt man sich zwangsläufig weiter“, sagt Sammy und lacht: „Wir haben ja nicht besonders stark angefangen, da war also noch Luft nach oben“.

Eine echte Konstante sei die Freundschaft der Band: „Das ist uns allen viel wert. Unser Verhältnis ist sehr innig und wir wissen miteinander umzugehen, auch mit den Fehlern des Anderen. Das ist über die Zeit sogar besser geworden“. Gemeinsam mit Drummer Andreas Brügge gründete er vor 25 Jahren die Gruppe, 1995 kam Bassistin Ines Maybaum dazu, 2001 folgte Gitarrist Ron Hübner, 2006 schließlich Keyboarder Chris Kubczak. Ines sorgt in der Band nicht nur für die tiefen Töne, sondern ist auch eine der wenigen Frauen im deutschen Rock-Geschäft. „In der Punk-Szene gibt es zwar hin und wieder Frauen in Bands, aber insgesamt ist das nach wie vor viel zu wenig“, bedauert Sammy.

Ansonsten sei die Musikszene aber durchaus weltoffen und tolerant: „Kunst hat ja vor allem etwas Vereinendes. Das gilt auch für Rockmusik. Unter Künstlern spielen Unterschiede, etwa bei der Herkunft eines Menschen überhaupt keine Rolle.“ Im Mai diesen Jahres sprach Amara bei Markus Lanz über Diskriminierung und offenes Misstrauen, womit er sich im sonstigen täglichen Leben häufig auseinandersetzen müsse.

Die Broilers sind eine politische Band. Im Song ‚Nur ein Land´, der die aktuelle Platte einleitet, heißt es unter anderem: ‚Dieses Sommermärchen ist vorbei.‘ Sammy, der als studierter Grafiker auch für das Design der CD´s verantwortlich ist, hat diese Zeile auf die erste Seite des Booklets gesetzt. „Das bezieht sich auf den Fußball-Sommer 2006 und auf all das, was danach passiert ist. Damals hatte man das Gefühl, die Welt ist in Ordnung, wir sind alle Freunde und es ist gar nicht so schlimm mit der Fahne rum zu wedeln. Das zwischen all dem Jubel, der Freundschaft und Bier-Seligkeit auch viel Scheiße passiert ist und dieser Party-Patriotismus in den nächsten Jahren ganz andere Formen annehmen sollte, konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. Man sieht ja, wo wir heute stehen und wieviel Zulauf nationalistische und ausgrenzende Tendenzen haben.“

Wie derartige, politische Ansätze in der Öffentlichkeit befeuert werden können, erlebte die Gruppe in diesem Jahr hautnah mit: ‚Rock am Ring‘-Veranstalter Marek Lieberberg hielt im Rahmen einer Pressekonferenz zur Evakuierung des Festivalgeländes eine Wutrede, in der er Muslime aufforderte, sich öffentlich und in großer Zahl gegen religiös motivierte Gewalt zu positionieren. Zuvor hatte es eine Terror-Warnung gegeben, weshalb die Veranstaltung kurzzeitig unterbrochen wurde. Zu diesem Zeitpunkt standen die Broilers gerade auf der Bühne und konnten ihre Show daher nicht zu Ende spielen. Letztlich bewahrheitete sich der anfängliche Verdacht aber nicht.

Zu Lieberbergs Art und Weise mit der Situation umzugehen sagt Sammy: „Von solchen Reaktionen halte ich gar nichts. Das bringt uns nicht weiter, sondern stößt beispielsweise in das Horn der AfD. Mit dem Finger auf Personen zu zeigen und sie gewissermaßen in Sippenhaft zu nehmen ist der falsche Weg.“ Für die Reaktionen der Fans vor Ort hat er hingegen nur Lob übrig: „Die Leute haben sich davon nicht vereinnahmen lassen. Sie haben zusammengehalten und gemeinsam ‚You´ll Never Walk Alone‘ gesungen. Das ist die richtige Reaktion!“ Weiterhin sagt Amara: „Angst macht Deine Welt klein. Bei mir in der Straße erlebe ich täglich wie toll Menschen zusammen leben, Spaß haben und offen miteinander umgehen. Das ist der richtige Weg und darum geht es. Auch bei der Musik!“ Bei den britischen Punk-Heroen von ‚Sham 69‘ heißt es hierzu ganz passend: „If the kids are united, they will never be devided“. Auf ihrer Tour im Festival-Sommer nutzten die Broilers diesen Song teilweise als Intro, bevor sie selbst auf der Bühne losrockten und das Publikum zum Tanzen brachten.

Und mit Klassikern aus einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte, sowie dem aktuellem Material von ‚(sic!)‘ wird die Band auch auf dieser Tour wieder alles tun, um die Konzertsäle des Landes zum Beben zu bringen. Auch die Braunschweiger VW Halle: „Wir freuen uns auf eine gemeinsame Eskalation. Wir wollen die Hütte an diesem Abend abreißen“, lacht Sammy.

Broilers live!
Do, 21.12.17
20:00 Uhr
Volkswagen Halle