Bo’s Blog – Im Regen der Zeit

Der Regen bildet einen seidigen Teppich aus kleinen Wasserperlen. Auf den von Pfützen übersäten Gehwegen der Stadt eilen die wenigen Passanten, die der Nässe nicht rechtzeitig entkommen konnten, schnellen Schrittes an den Hausfassaden entlang. Ich halte kurz inne und zünde mir eine halbdurchnässte Zigarette an. Das Knistern des feuchten Tabaks bildet mit dem trommelnden Regen auf den Motohauben der parkenden Autos einen beruhigenden Klang im hektischen Treiben um mich herum.

Ich bleibe stehen – Regentropfen perlen vom Schirm meiner Cap herab. Für einen Moment scheint es so, als würde sich die Zeit um mich herum schneller drehen. Die raschen Schritte der vor dem Regen flüchtenden Menschen ziehen an mir vorbei. Ich schmunzel ein wenig in mich hinein. Schließlich ist es erwiesen, dass man mehr Regentropfen abbekommt, je schneller man läuft.

Dabei braucht es in unserer heutigen Zeit gar nicht mehr die ‚bedrohliche‘ Nässe von oben, damit wir mit Scheuklappen und Vollgas durchs Leben rennen. Alles muss schnell gehen. Stau ist nervig. Ständig wird auf die Uhr geschaut, die nicht am Handgelenk sitzt, sondern im Smartphone, auf dem im Minutentakt die Nachrichten gecheckt werden. Man rennt zur Bushaltestelle um den Bus noch zu bekommen, obwohl der Nächste schon in 10 Minuten kommen würde – die Zeit ist kostbar.

Aber warum nehmen wir uns nicht Zeit für die Zeit, die uns so kostbar ist. Bleiben einfach mal stehen, halten die Uhr an und atmen tief durch. Das Leben zieht sowieso so schnell an uns vorbei, dass wir die kleinen schönen Dinge, die es uns zeigt, gar nicht mehr wahrnehmen. Entschleunigung heißt da Stichwort. Einfach mal den Fuß vom Gaspedal nehmen und die verschwommenen Bilder, die an einem vorbeiziehen, geschärft wahrnehmen.

Ich schlendere weiter durch den Regen. In einer Einfahrt springt ein kleines Kind mit Gummistiefeln in den Pfützen umher. Sein unbeschwertes Lachen hallt zwischen den Hauswänden. Andere wiederum versuchen ihre weißglänzenden Sneaker nicht im Schlamm der Pfützen zu ertränken und weichen mal mehr und mal weniger geschickt den Gefahrenzonen aus. Einmal noch jung sein, wo es keine Zeitrechnung, außer dem Angehen der Straßenlaternen gab…

Der Regen lässt langsam nach. Die Leute verringern mehr und mehr ihr Lauftempo und klappen ihre Regenschirme ein. Die Zeit dreht sich wieder etwas langsamer – weniger hektisch, doch noch immer ohne Tempolimit. Die scheinbare Ruhe, die eingekehrt ist, ist nur eine Fassade. Jetzt sind keine Grenzen mehr gesetzt, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen. Während die meisten vor wenigen Minuten noch vor dem Regen wegliefen, laufen sie nun wieder der Zeit hinter her, die ebenso wie ihre Füße nie stillsteht.